17.04.2012

AWO-Fachtagung in Nürnberg: „Gute Pflege ist große gesellschaftliche Herausforderung“

Grenze des Machbaren in der Pflege ist überschritten. Rahmenbedingungen müssen sich in allen Bereichen ändern, um Zukunftsanforderungen zu genügen. „Pflege braucht mehr Freiraum“

 

Die elementaren Gründzüge einer zukunftsfähigen Guten Pflege legte der Landesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt in Bayern, Thomas Beyer auf der heutigen AWO Fachtagung „Brennpunkt Pflege“ in der Nürnberger Meistersingerhalle dar. „Allein schon angesichts einer Zunahme der Pflegefälle von 37 Prozent allein in Bayern seit 2005  müssen wir uns bewusst werden, dass Gute Pflege eine der größten gesellschaftlichen Herausforderung ist, der wir uns schon jetzt gegenüber sehen“, betonte Beyer.“ Den Begriff „Gute Pflege“ setzt die AWO bewusst als einen Appell zu handeln und gleichzeitig für alle beteiligten Institutionen handlungsleitend zu sein. „Gute Pflege muss für uns Maßstab und verpflichtende Vorgabe sein“, so Beyer.

 

Grundvoraussetzung für Gute Pflege sei eine adäquate Pflegereform, die sich an den anstehenden Anforderungen orientiert. „Bisher ist hier wenig geschehen und der vorliegende Gesetzentwurf enttäuscht, weil er die entscheidenden Fragen nicht aufgreift“, so Beyer. Die Politik müsse sich hier  den Herausforderungen stellen, welche die Pflegesituation aufwerfe.

 

Gute Pflege aber brauche auch mehr Personal, da nicht nur die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, sondern gleichzeitig die Anforderungen an die Pflegerinnen und Pfleger selbst. „Hier ist eine bedarfsorientierte Personalaufstockung unabdingbar“, so Beyer weiter. „Gleichzeitig müssen die Arbeitsbedingungen so gestaltet werden können, die Belastungen der Pflegenden so weit wie möglich zu reduzieren“. Gute Pflege benötige aber auch engagierten Nachwuchs wobei den ausbildenden Trägern keine wirtschaftlichen Nachteile für ihr Engagement entstehen dürfen. Genauso wenig dürften die Auszubildenden wegen der Kürzung von Leistungen durch die Bayerische Staatsregierung mit der Zahlung von Schulgeld dafür bestraft werden, dass sie eine sozial engagierte Tätigkeit gewählt haben.

 

Nicht zuletzt brauche Gute Pflege aber auch eine bessere Bezahlung. „Das kann nur durch eine angemessene Refinanzierung sowie einen einheitlichen Branchentarifvertrag für die Pflege geschehen“, fordert Beyer. „Aber all das kann nur wahr werden, wenn sich die finanzierende Seite dessen endlich bewusst wird“.

 

Prof. Dr. Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule in Freiburg veranschaulichte das ethische Dilemma im Pflegealltag, dem sich Organisationen und Pflegende gegenüber sehen. „Die Pflege in Deutschland braucht mehr Freiraum“, so seine Forderung. Sie lebe hauptsächlich von der ethischen Selbstmotivation der Beteiligten, bei der ethisch-moralisches Handeln im Vordergrund steht, das sich nicht in starren Normen festlegen ließe. „Wir müssen uns also mit den Rahmenbedingungen in allen Schattierungen der Pflege auseinandersetzen“, betonte Klie.

 

Die ehemalige Bundesministerin Edelgard Bulmahn und Vorsitzende des Beirates des Transferzentrums für Sozialwirtschaft der Leuphana Universität Lüneburg betonte den Widerspruch, dass personenbezogene Dienstleistungen wie die Pflege in Deutschland noch immer wenig geschätzt werden. Hier bedürfe es unter anderem einer neuen Konzeption in der Fachkräfteentwicklung, bei der praktische wie theoretische Kompetenzen gleichermaßen entwickelt würden.